Wenn Sie über den großen Meininger Marktplatz kommen, können Sie unsere Kirche gar nicht übersehen. 1000 Jahre soll sie alt sein? Das kann nicht stimmen, sie sieht doch viel neuer aus. Ja, und damit haben Sie recht und unrecht zugleich. Die Ursprünge der Kirche gehen tatsächlich etwa 1000 Jahre zurück. So ganz fest zu belegen ist das Erbauungsjahr nicht, jedoch im Zusammenhang mit der Gründung des Bistums Bamberg hat König Heinrich II., der Heilige, an den der Brunnen auf dem Markt mit dem Kirchenmodell in der Hand erinnert, Meiningen dem Bistum Würzburg zugeteilt. Seit dieser Zeit steht die Kirche auf dem Markt, die zwar öfter umgestaltet, aber niemals abgerissen wurde.
Heute lädt die Kirche „Unserer Lieben Frauen“ oder auch „Marienkirche“ oder auch einfach nur „Stadtkirche“ mit ihren beiden Türmen herzlich ein.
Der Türklopfer an der linken Innentür des Haupteingangs, ein Löwenkopf, stammt aus romanischer Zeit. Durch einen Vorraum betreten Sie das Kirchenschiff und schauen in den Altarraum mit seinen hohen, gotischen Fenstern.
Sie sind relativ modern, denn nach dem großen Bombenangriff auf Meiningen im Februar 1945 mussten sie ganz neu gestaltet werden. Ein Berliner Künstler, Gerhard Olbrich, hat sie entworfen. 1961 wurden sie eingebaut. Sie stellen Szenen aus dem letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes, dar.
Der Altar stammt auch aus neuer Zeit (1961), das Kreuz jedoch kommt aus der Schule von Veit Stoß um das Jahr 1500. Der Chorraum mit den bemerkenswerten Schlusssteinen des Kreuzgewölbes stammt aus der Zeit von 1443/55. Das Kirchenschiff bekam seine heutige neugotische Gestalt und Einrichtung 1884-1889 nach einem großen Umbau der Kirche. Auch die Anordnung der Türme und das Dach stammen aus der Zeit nach 1884. Es gab zwar schon immer zwei Türme, aber sie standen dichter zusammen und hatten eine ungleiche Größe. Eine Tafel im Eingang erinnert an den Oberbau- und Regierungsrat Otto Hoppe, unter dessen Leitung der große letzte Umbau stattgefunden hat.
Ein besonderer Schatz unserer Kirche ist die „Steinerne Madonna“ aus dem 14. Jahrhundert. Sie war ein Geschenk von Kaiser Ludwig und Bischof Otto II. aus Würzburg anlässlich eines Besuches, geschaffen von Meisterhand, und stand bis 1938 außen an der Südwestecke unter einem Baldachin. Die „Steinerne Madonna“ ist auch im Kirchensiegel der Kirchgemeinde zu sehen.
Unsere „Reger-Orgel“ wurde natürlich nicht von Max Reger (1873-1916) gebaut, jedoch hat er in seiner Meininger Zeit (1911-1914) als Dirigent der Meininger Hofkapelle oft auf unserer Orgel gespielt und auch bedeutende Werke für sie komponiert.
Erbaut wurde die Orgel 1889 nach dem großen Umbau von der Firma Martin Schlimbach & Sohn, Würzburg, als Schwalbennestorgel unter der großen Fensterrosette. 1932 gab es entsprechend den von Max Reger geäußerten Wünschen einen großen Umbau durch die Firma Eberhard Friedrich Walcker & Sohn, der vom späteren Thomaskantor Ehrhard Mauersberger als „Orgelwerk für größte Anforderungen“ beschrieben wurde.
Jedoch zerstörte der große Bombenangriff im Februar 1945 weitgehend das wertvolle Werk, nur provisorische Reparaturen waren möglich, bis endlich 1992-1994 sehr umfassende Restaurations- und Reparaturarbeiten von den Firmen Wolfgang Hey - Urspringen (Gesamtarbeiten an der Orgel), August Laukhuff - Weikersheim (Spieltisch, Orgelteile) und Roland Killinger - Freiberg/Neckar (Rohrwerk) durchgeführt und bezahlt werden konnten.
Im Rahmen der Meininger Landeskirchenmusiktage „Hans von Bülow“ wurde die nun weitgehend neue Orgel mit drei Manualen am 6. Mai 1994 durch Prof. Werner Jacob aus Nürnberg eingeweiht. Damit haben wir nun wieder ein Instrument, das „größten Anforderungen“ gerecht werden dürfte.
Die älteste Inschrift von Meiningen, den „Kreuzpfennig“, finden Sie außen am nördlichen Chorpfeiler eingemauert. Der Würzburger Bischof Bruno (1033-1045) hat diesen Kreuzpfennig prägen lassen, der wahrscheinlich ursprünglich am Hauptportal eingemauert war und beim Umbau an die jetzige Stelle gekommen ist und dabei verdreht wurde. Er zeigt um einen Drudenfuß herum Buchstaben aus dem Namen BRUNO EPISKOPOS.
1594 wurde der Nordturm durch ein Treppentürmchen im Renaissancestil ergänzt, der die Wendeltreppe zur Türmerwohnung aufnahm. Über der Tür befindet sich ein Steinrelief mit dem Stadtwappen.
Wenn Sie an einem Mittwoch zwischen 1. Mai und 31. Oktober unsere Stadt besuchen, werden Sie den Aufsteller vor der Kirchentür kaum übersehen. Er lädt zwischen 14 und 18 Uhr auf den Turm und in die Türmerstube zum Kaffeetrinken mit selbst gebackenem Kuchen ein. Dazu gehen Sie wieder in die Kirche hinein, gleich rechts die Stufen zum Turm hinauf. Zweiundneunzig (92) Stufen sind bis zur Türmerwohnung zu überwinden, und noch einmal achtundvierzig (48) Stufen bis zum Umgang mit der schönen Aussicht auf die Stadt im Werratal und die umliegenden Berge.
© Text: Ursula Meincke (Aus dem Turmfrauenbuch, leicht gekürzte Fassung)
© Fotos: Ursula Brichta (www.ursakunst.de)
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